Historie

Porsche verstehen leicht gemacht – Teil 1

Posted On Juni 14, 2015 at 10:30 am by / No Comments

Bei Porsche in Zuffenhausen weiß man, dass der Jörg-Topf nicht auf dem Herd und die Großmutter nicht dahinter steht. Sie würden gerne mitreden?

A

Alu-Büchse. „Alu-Büchse“ ist nicht wirklich schmeichelhaft für einen Porsche. Trotzdem hat sich der Begriff durchgesetzt für den Leichtmetall- Porsche 356 SL, der 1951 seine Klasse bei den schon damals legendären 24 Stunden von Le Mans gewann. Und das mit 40 PS. Selbstverständlich lebt die Alu-Büchse noch – im Museum.

America Roadster. Es sollen in Deutschland stationierte amerikanische GIs gewesen sein, die Anfang der 1950er-Jahre nach einem noch leichteren, noch pureren Porsche 356 gerufen haben. Sie bekamen ihn – allerdings nur 21 von ihnen, gebaut bei Gläser. Der Vorläufertyp des späteren Speedster von 1953 namens „America Roadster“ speckte im Vergleich zum normalen 356 Cabrio rund 60 Kilo ab, zum Beispiel durch Weglassen der äußeren Türgriffe, der Radkappen und des Softtops samt Gestänge. Die Kombination von 600 Kilo und 70 PS reichten für 180 km/h. Porsche US-Importeuer Max Hoffman griff den Gedanken auf und forderte daraufhin ein Speedster-Modell für Amerika. Natürlich bekam er es.

B

Bel Air. Wenn Porscheaner 1965 untereinander vom „Bel Air“ sprachen, bedienten sie sich eines Codes – sollte doch niemand jetzt schon wissen, dass der offene Porsche mit dem großen Bügel „Targa“ heißen würde (abgeleitet von dem berühmten sizilianischen Rennen „Targa Florio“ – wobei „Targa“ „Schild“ bedeutet, was zufällig alles passte). Selbstverständlich war die Bezeichnung „Bel Air“ dem Nobel-Stadtteil von Los Angeles entlehnt – möglicherweise in der irrigen Annahme, das hieße so etwas wie „schöne (belle) Luft“. Der Ort wurde jedoch 1923 von Alphonzo E. Bell gegründet und hat daher seinen Namen…

Bohlmann-Taschen. Es ist schon eine ganz besondere Auszeichnung, wenn eine technische Raffinesse bei Porsche nach einem Mitarbeiter benannt wird. Ganz bekannt: Der Fuhrmann-Motor. Oder die Fuchs-Felge (ein so geadelter Zulieferer). Oder der Jörg-Topf. Ein Herr Bohlmann jedenfalls scheint die Staufächer im Kofferraum des 924 und 944 erfunden zu haben. Ob die Überlieferung auf seinen Vornamen verzichtet, weil er im VW-Werk Wolfsburg angestellt war, wissen wohl nur altgediente Porsche (oder VW-)Archivare…

Bonanza-Effekt. Jeder heute etwa zwischen 50 und 60 Jahre alte Junge kennt noch das Gitarren Stakkato, das einmal in der Woche durch die Wohnzimmer dröhnte: Tam-tatatam-tatatam-tatatamtatataataa…. , und dann zogen Adam, Joe und der fette Hoss samt Papa Ben Cartwright los, den Wilden Westen zu befrieden. Ausgerechnet diese Titelmusik – und natürlich das ständige Hufgetrappel – gab dem Effekt seinen Namen, wenn der Motor im Schiebebetrieb mager ruckelt und das Auto dadurch aufschaukelt. Manchmal kommt das auch bei zu abruptem Kraftschluss der Kupplung vor. Und eben auch gerne bei diversen alten 911er Modellen. Tatatam.

C

Crashbox. Kenner der Materie verziehen schon bei der Bezeichnung das Gesicht so schmerzvoll, als hätten sie mit einem Loch im Zahn auf eine Zitrone gebissen: „Crashbox“ klingt wie eine arbeitende Schrottpresse, und so ist der Sound, wenn Zahnräder dazu gezwungen werden, zu kooperieren, auch wenn es überhaupt nicht passt. Solch böse Geräusche erklangen immer wieder aus dem Getriebe der frühen Porsche 356 (Baujahre 1950 bis 1952), denn alle Gänge waren unsynchronisiert. Das bedeutet für den Fahrer noch heute: beim Ein- und Auskuppeln Kupplung treten. Schaltvorgänge lernen. Beziehung zum Auto aufbauen. Dann tut’s nicht ganz so weh.

Christel von der Post. Der Österreicher Gerhard Plattner, der König der Spritsparlangstreckenreisen auf öffentlichen Straßen, war nicht immer einfach als Fahrer – Beifahrer erzählten, er hätte manchmal nur schwer gehört und war (vielleicht deshalb) ein großer Fan von Marschmusik. Seine Auto-Dauerreisen sind allemal legendär – erst recht die mit „Christel von der Post“. Die wenig schmeichelhafte Bezeichnung geht zurück auf seinen gelben, von Porsche gestellten 924, mit dem er nahezu ohne Unterbrechung einmal die Welt umrundete. Der Gag: Das Auto besaß ein Autotelefon. Auf den rund 40.000 Kilometern konnte man Plattner während der Fahrt anrufen. Er soll den Hörer auch mal abgenommen haben.

D

Doktor-Wagen. Um die Menschen mit überbordender Fantasie gleich auszubremsen: Nein, der Doktor-Wagen ist kein spezieller Großraum-Porsche für Spielchen jedweder Art. Das hätte der Doktor auch nicht zugelassen, denn der war ein anständiger Österreicher. Aber Doktor war er, der fesche Ferry Porsche – und als solcher bekam er zum 75. Geburtstag von seiner Belegschaft einen ganz besonderen 928 S. Erstens war er länger als andere und hatte deswegen hinten viel Beinfreiheit, zweitens war er moosgrün. Der Doktor soll ihn tatsächlich lange gefahren haben, und er ist immer noch in Familienbesitz.

Dreikantschaber. Noch so eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung für einen berühmten Porsche – zumindest kann man sie sich leichter merken als die Modellbezeichnung 356 B 2000 GS Carrera GT. Das ist ein Leichtmetall-Coupé für Rennzwecke auf Basis des 356 B, das zum 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1963 mit 2-Liter-Motor und einer von F. A. Porsche gestalteten, aerodynamischen Leichtmetall-Karosserie erschien. Der Bug ist weit nach unten gezogen, das Dach reißt plötzlich ab – im Gegensatz zu dem fließenden Verlauf des standardmäßigen 356er-Hecks. Die so entstandene Fahrzeugsilhouette inspirierte zum Spitznamen „Dreikantschaber“, einem Werkzeug der Modelleure in der Porsche Designabteilung.

Info

Text erstmalig erschienen in „rampclassics“, Ausgabe 4

Text: Roland Löwisch

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