Historie

Porsche verstehen leicht gemacht – Teil 3

Posted On Juni 14, 2015 at 2:00 pm by / No Comments

Bei Porsche in Zuffenhausen weiß man, dass der Jörg-Topf nicht auf dem Herd und die Großmutter nicht dahinter steht. Sie würden gerne mitreden?

K

Känguruh. Jemanden „Känguruh“ zu nennen, ist nicht unbedingt nett gemeint. Die Viecher sind ziemlich dumm, boxen und ansonsten springen sie nur herum. Es muss also etwas dran gewesen sein, dass die Fahrer des Porsche 906-8 Bergspyder ihr Arbeitsgerät mit dem störrischen australischen Beuteltier verglichen. Der Grund: Das Fahrwerk und die Bereifung wurden 1965 komplett ohne Veränderungen vom serienmäßigen Straßen- Coupé 904 Carrera GTS übernommen. Durch das geringe Gewicht und das darauf nicht angepasste Fahrwerk war der 906 Bergspyder sehr schwer zu fahren – er besaß eine unruhige Straßenlage und die Neigung zum Hüpfen. Vom Coupé übernahmen die Entwickler den Stahl-Kastenrahmen und setzten darauf eine leichte, offene Kunststoff-Karosserie. 570 Kilo und 260 PS ließen sich leicht den Anstieg hochwuchten, fünf Stück wurden gebaut, drei blieben zerschellt liegen.

Ketchup-Effekt. Wer kennt das nicht: Da möchte man seine frischen Pommes mit der richtigen Menge Ketchup aus der nagelneuen Flasche benetzen, und raus kommt – nichts. Oder plötzlich viel zu viel. Jedenfalls keine Dosis, die einen glücklich macht. So etwas Ähnliches gab es auch bei Porsche, weshalb diese technische Unzulänglichkeit (damals, 1974, war es allerdings Stand der Technik) Eingang in die Fast-Food-Sprache gefunden hat: Der „Ketchup-Effekt“ beschreibt die verzögerte Gasannahme bei älteren Turbo-Motoren –erst passiert nix und dann kommt’s gewaltig. Das Phänomen ist auch bekannt als „Turboloch“ und tritt auf, wenn gleich nach Gaspedalbefehl noch nicht der volle Ladedruck vorhanden ist. Darunter litt besonders der erste 911 Turbo, der sich dadurch besonders bei Nässe als höchst tückisch erwies.

L

Luna. 1987 bricht Langstreckenspezialist Gerhard Plattner zu einer weiteren Mission auf: Mit einem serienmäßigen Porsche 944 S will er innerhalb eines Jahres die Entfernung von der Erde bis zum Mond zurücklegen: 384.405 Kilometer. Neben der Alltagstauglichkeit des 944 S gilt es dabei vor allem die Belastbarkeit des Katalysators unter extremen Bedingungen zu dokumentieren. Der Startort für Plattners Reise hätte nicht besser gewählt werden können: das Raumfahrtzentrum Cape Canaveral. Im Gegensatz zu mancher Rakete kam Plattner allerdings zurück.

M

Maria-Stuart-Kragen. Maria Stuart hatte ein bewegtes Leben. Zumindest bis zur Hinrichtung. Und vor allem trug sie einen Kragen, der über jeden Zweifel erhaben war: steif, breit, nach hinten sehr hoch. Genau die richtige Vorlage für die Rennabteilung von Porsche, die 1973 mit einem wahren Ungetüm von Rennwagen zum 1.000-Kilometer- Rennen auf den Nürburgring kam. Der Spoiler des 911 Carrera RSR von Martini-Racing lief um das gesamte Heck und bis tief in die Heckkotflügel. Und niemand hat sich getraut, dort die Axt anzusetzen…

N

Nummer 1. Muss man dazu viel sagen? Die Nummer 1 ist stets der Beginn, die wahr gewordene Idee, die umgesetzte Fantasie. Der erste 356 von 1948 ist selbstverständlich eine Ikone, die im Museum steht. Der aerodynamisch geformte Roadster bietet zwei Plätze, besitzt einen gestärkten Käfer-Motor mit 35 PS und rannte 135 km/h Spitze. Porsche sagte dazu einst die berühmten Sätze: „Am Anfang schaute ich mich um, konnte den Wagen, von dem ich träumte, nicht finden. Darauf beschloss ich, ihn selber zu bauen.“

Nasenlöcher. Sie müssen schon mächtig Langeweile geschoben haben, die Herren Ingenieure, damit ihnen beim Anblick der Front des Porsche 924 Turbo mit seinen vier Luftöffnungen ausgerechnet Nasenlöcher einfielen. Abgesehen davon, dass Individuen meistens zwei Nasenlöcher besitzen. Aber die älteren der Porscheaner wissen sofort Bescheid, wenn man sie drauf anspricht.

O

Ochsenhorn. Nein, das ist keine Bezeichnung für einen Porsche Mitarbeiter, der einen reparablen Fehler begeht, sondern der Begriff der Mechaniker für ein Bauteil im Porsche 956, das Motor und Getriebe verbindet. Es sieht aus wie die Hörner eines Bullen. Für die echten Bezeichnungen von Fehler machenden Mitarbeitern reicht hier der Platz nicht aus.

P

Plastilinküche. Die „Plastilinküche“ ist eine ältere Bezeichnung für nichts Geringeres als das hochehrenwerte Porsche Entwicklungszentrum in Weissach. Hier erfindet Porsche seit 1971 Sportwagen, die heute in weltweit mehr als 125 Märkten verkauft werden. Die Prüfstrecke in der Gemeinde Weissach im Landkreis Böblingen ist bereits seit 1962 in Betrieb. Aktuell sind im EZW mehr als 6.000 Mitarbeiter von Porsche (4.500) und Partnerunternehmen (1.500) in der Entwicklung, im Motorsport, im Einkauf und den unterstützenden Bereichen beschäftigt. Im Juli 2014 hat Porsche das größte Investitionsprojekt in der Geschichte des Entwicklungszentrums mit neuem Design-Studio, aero-akustischem Windkanal und Elektronik-Integrationszentrum in Betrieb genommen.

Porscheaner. Es gibt Ferraristi, „die beim Daimler“ und eben auch Porscheaner. Das sind alle Porsche Mitarbeiter, und sie nennen sich selbst so. Weltweit sind es etwa 20.000 Stück. Und damit ist Porsche im Vergleich zu anderen Autoherstellern fast noch ein Familienbetrieb.

Polizisten. Ja, die liebe Polizei. Selbige aus Fleisch und Blut sehnt der Porschefahrer herbei, wenn sein bestes Stück geklaut wurde, und er verflucht sie, wenn sie sein bestes Stück an schnellem Einsatz hindert. Aber das macht die Ordnungshüter noch nicht zum Porsche eigenen Begriff – nein, die Polizisten, die hier gemeint sind, sitzen nahezu unbemerkt im Porsche Getriebe und fungieren als Sperrstücke, um Fehl- oder Doppelschaltungen zu verhindern. Und da sind sie höchst willkommen.

Info

Text erstmalig erschienen in „rampclassics“, Ausgabe 4

Text: Roland Löwisch

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