Historie

Porsche verstehen leicht gemacht – Teil 4

Posted On Juni 14, 2015 at 4:00 pm by / No Comments

Bei Porsche in Zuffenhausen weiß man, dass der Jörg-Topf nicht auf dem Herd und die Großmutter nicht dahinter steht. Sie würden gerne mitreden?

R

Rotschwänzchen. „Phoenicurus ochruros ist eigentlich ein Hausrotschwanz aus der Familie der Fliegenschnäpper. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Insekten. Der Gesang des Hausrotschwanzes ist charakteristisch, da der Mittelteil eher einem kratzenden Geräusch ähnelt …“ – schreibt Wikipedia da tatsächlich über einen Vogel? Es könnte auch der Typ 550 Spyder 1500 RS mit rot lackierten hinteren Kotflügeln sein, der letzte Porsche Spyder mit Pendelachse. Der killte ebenfalls die Insekten auf den Rennstrecken dieser Welt, und über kratzende Geräusche müssen wir gar nicht erst sprechen.

S

Schmuggelfach. Wer (gute) Geschichten hören will, sollte mal einem Zöllner zuhören. Selbst hartgesottene Beamte lernen nicht aus, wo Schmuggelwillige überall ihre Ware verstecken. Dass ausgerechnet Porsche diesem zweifelhaften Handwerk Vorschub leistet, war so nie geplant: Der Raum im Kofferraumboden des 911 für die optionale Standheizung zum Beispiel ist bestens geeignet, die eine oder andere Zigarette verschwinden zu lassen. Und so bekam er den Kosenamen „Schmuggelfach“. Inzwischen gibt’s noch mehr – zum Beispiel die Reserveradmulden in den SUV. Aber machen Sie sich keine großen Hoffnungen: Diese Stellen kennen die Zöllner auch…

Schutzengelfinger. Normalerweise lässt ein Porsche 928 Automatik-Fahrer ja nicht so gern jemanden in seinem Porsche herumfingern, erst recht keinen Langfinger mit besonderer Fingerfertigkeit. Aber einen Finger lässt er gewähren, denn der kommt aus Zuffenhausen, wurde serienmäßig mitgeliefert und verhindert Schlimmes: Das ist ein kleiner Sperrkolben am Automatikwählhebel, um bei Vorwärtsfahrt das Einlegen von Stellung R oder P zu verhindern. Damit aus dem Zahnradensemble kein Fingerfood wird.

Sebring-Auspuff. Kein Wunder, dass der Auspuffhersteller Sebring aus Voitsberg/Österreich seine Sportanlagen nach dem Kurs in Florida nennt – das klingt nach Historie, Power, Exotik. 1963 verlässt der erste optionale Auspuff das Sebring- Werk, er wird unter einen Steyr-Fiat 1100 geschraubt. Das macht Schule, Sebring expandiert und liefert in den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts jetzt auch Spezial- Töpfe für die Vierzylindermodelle von Porsche. Das Besondere: Der Sebring-Auspuff fasst die Abgase aus einem Vierfachfächer in einem Endrohr zusammen, und das steht auch noch mächtig heraus.

T

Taxi. Wer bei Porsche in Zuffenhausen ein Taxi bestellt, muss nicht unbedingt das mindestens viertürige Fahrgastbeförderungsvehikel meinen, das gegen Entgelt seine Fahrgäste in sittsamem Tempo und möglichst entspannt von A nach B bringt. Ein „Taxi“ ist bei Porsche eher das genaue Gegenteil: Ein Auto mit zwei oder weniger Türen, das einen (allerdings teilweise auch zahlenden) Fahrgast im Affentempo und möglichst an der oberen Adrenalingrenze von A nach A bringt – also im Kreis fährt. Denn „Taxi“ bedeutet Rennwagen, dem ein zweiter Sitz eingebaut wird, um künftig rennsportbegeisterte Männer und Frauen, die nicht selber ans Steuer dürfen, auf die Piste mitzunehmen. Wie zum Beispiel der ausgemusterte 917 in leuchtendroter Lackierung, der für Besucherfahrten auf dem Prüfgelände Weissach eingesetzt wird.

Telefonzelle. Zugegeben, nicht alles, was Porsche baut und baute, ist ein formvollendetes Designerstück. Das liegt aber auch daran, dass manche Autos reine Forschungsfahrzeuge, Prototypen oder Fremdaufträge sind, bei denen bestimmte Techniken oder Ähnliches ausprobiert werden soll. Dazu gehört auch der Prototyp EA266, ein Kleinwagen für VW von 1968. Aufgrund seiner großen Glasflächen erhielt er schnell den Beinamen „Telefonzelle“. Tatsächlich war er zunächst geplant mit Unterflurmotor als Nachfolger des VW Käfer. Dafür, dass es nicht EA266 wurde, sondern der Golf, ist niemand Porsche böse. Oder?

V

VoPo. Ursprünglich war ein „Vopo“ ein „Volkspolizist“ im deutschen ummauerten Bruderland. Der war dort ungefähr so beliebt wie ein Fan- Shop des Bundesfinanzministeriums im Westen. Ob dieser Hintergedanke eine Rolle spielte, als die VW-Porsche 914 (gebaut 1969 bis 1975) auch VoPo genannt wurden? Oder war es doch einfach nur die Abkürzung für „Volksporsche“, weil es plötzlich eine kostengünstige Alternative gab, einen Porsche zu pilotieren? Tatsache ist: 911er Fahrer rümpften deutlich die Nase beim Anblick der Wolfsburger/Zuffenhausener Koproduktion. Trotzdem wurde das von einem luftgekühlten Boxermotor angetriebene Modell von 1969 bis 1976 knapp 120.000-mal gebaut, die meisten der vierzylindrigen 914/4 (80 PS) bei Karmann, alle Sechszylindermodelle 914/6 (110 PS) bei Porsche. Er war das erste in Großserie hergestellte Mittelmotor-Fahrzeug der Welt. Hand aufs Herz: Für die Flucht nach vorne reichte der 914 allemal…

W

Weissach-Achse. Es hätte ja mal so einfach sein können: Die Hinterradaufhängungen mit Vorspurkorrektur des Porsche 928 wurden natürlich in der Plastilinküche (siehe >P) entwickelt – klar, dass sie dann Weissach-Achse heißt. Oder? In diesem Falle nicht – die Wortbildung stammt aus der Funktionsbezeichnung „Winkel einstellende selbst stabilisierende Ausgleichs-Charakteristik“. Na, da hat aber mal einer nachgedacht…

Windhund. Es ist Gründonnerstag, der 6. April 1950. Erstmalig rollt ein Porsche 356 aus den Werkshallen in Stuttgart. Seine auffälligen Merkmale sind zum Beispiel die geteilte Frontscheibe oder die fest verglasten hinteren Fenster. Ein Porsche Wappen ist nicht drauf – das wird erst 1952/53 gestaltet. An Bug und Heck steht da her der Schriftzug „Porsche“. Innen dominierte ein weißes Dreispeichenlenkrad aus Bakelit. Was das alles mit dem Spitznamen „Windhund“ für den ersten Stuttgart-Porsche zu tun hat? Keine Ahnung. Aber man muss ja auch nicht alles verstehen…

Z

Zigeuner-Verdeck. Auch wenn es gerade Ende des Zweiten Weltkrieges angebracht gewesen wäre, mit Respekt über alle Völkergruppen zu reden, waren einige Begriffe nicht aus dem Sprachgebrauch zu verdammen. Dazu gehörte die Bezeichnung für das „Fahrende Volk“: Zigeuner. Sie hatten meist kein festes Dach über dem Kopf –so entstand die Bezeichnung „Zigeunerdach“ für das spartanische Notverdeck, mit dem der Porsche 356/Typ 1 (1948) und später der Speedster ausgestattet wurden. Ob die 356er Fahrer den Wetterschutz ihrer mehr oder weniger schwer verdienten Porsche damals auch so nannten, darf bezweifelt werden..

Info

Text erstmalig erschienen in „rampclassics“, Ausgabe 4

Text: Roland Löwisch

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