Historie

Reife(n)-Prüfung

Posted On Januar 11, 2016 at 9:00 am by / No Comments

Damit das Auto und nicht der Fahrspaß auf der Strecke bleibt: Porsche prüft in aufwendigen Tests, welche Reifen sich für historische Modelle eignen, und gibt diese eigens mit einer Kennzeichnung frei.

Dieter Röscheisen will es wissen. Auf nasser Strecke fährt er den weinroten Porsche 356 im Grenzbereich. Der 52 Jahre alte Sportwagen bricht mal übersteuernd mit der Hinterachse aus, mal schiebt er über die Vorderräder. Er ist schwer zu beherrschen. Testpilot Röscheisen ist nicht zufrieden: „Normalerweise fährt sich das Auto viel besser …“

Er notiert im Testprotokoll: „Die Balance der Reifenpaarung stimmt hier auf diesem Fahrzeug nicht. Es sind viele Lenkkorrekturen erforderlich, da das Heck wesentlich agiler ist. Der Haftungsabriss erfolgt teilweise zu abrupt. Das entspricht nicht dem, was wir uns unter einem gut funktionierenden Serienreifen vorstellen.“ Folglich lautet das Urteil: im Nasshandling durchgefallen! Es wird für diesen Reifen keine Freigabe geben, obwohl er auch seine positiven Seiten hat. So ist er im Trockenen durchaus fahrbar, mit ausreichenden Sicherheitsreserven. Aber ein Reifen, der nur im Trockenen funktioniere, sei ein schwaches Angebot für einen mehr als 50 Jahre alten Porsche, meint Röscheisen.

Empfehlungen tragen die Kennzeichnung N

Porsche betreibt einen enormen Aufwand, um Reifen für klassische Modelle zu testen und auf Grundlage dessen entsprechende Freigabelisten zu erstellen. Für den Abgleich von 14 neuen Reifenmodellen auf zehn verschieden alten Porsche-Modellen waren sechs Mitarbeiter rund zwei Wochen lang beschäftigt. Sie haben mehrfach um die sechs Tonnen Material bewegt, für die verschiedenen Testfahrten 288 Mal die Räder gewechselt, sich die Köpfe heißgeredet über das, was tragbar ist und was nicht. Aber sie sind stets auf der Strecke geblieben, denn Abflüge kommen im Reifentest nicht vor. Auch nicht im Nassen mit Reifen, die dort nichts taugen.

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Porsche 356 B Super 90, 2015, Porsche AG

Warum das Ganze? Weil rund 70 Prozent aller jemals gebauten Porsche nach wie vor auf den Straßen unterwegs sind, kümmert sich das Unternehmen intensiv um seine his­torischen Modelle. Auf Grundlage der Reifentests empfiehlt Porsche Classic beispielsweise für die Baujahre 1949 bis 2005 aktuell 184 Sommerreifen. Weitere 126 Empfehlungen für Winterreifen kommen hinzu. Die aktuelle Auswahl kann man auf der Homepage von Porsche Classic unter www.porsche.com/classic herunterladen. Die Frei­gabelisten werden durch laufende Prüfungen im Zweijahresrhythmus aktualisiert.

Was Porsche an Reifenmodellen empfiehlt, trägt die Kennzeichnung N auf der Reifenflanke, stets in Verbindung mit einer Nummer (N0, N1, N2 …). Dieses Gütesiegel steht seit Jahrzehnten für die Spezialentwicklungen, die die Reifenindustrie für Porsche erarbeitet. Die Nummer nach dem N dient der Unterscheidung der Freigabeserien. Beispiel: Ein Reifen war in seiner früheren Version, etwa in der Dimension 195/65 R15, für die gängigen Carrera-Baureihen aus den Siebzigerjahren mit dem Siegel N0 freigegeben. Der gleiche Reifen erhält, wenn eine neue Serie vom gleichen Fabrikat und Typ zur Ersatzteilversorgung aufgelegt und freigegeben wird, die nächsthöhere Zusatznummer.

Neben dem Handling ist auch die Reifenalterung ein Thema, sie wurde im aktuellen Test exemplarisch mitgeprüft. Denn bei Reifen verhält es sich ähnlich wie bei Brot und Brötchen: Sie werden bei zu langer Lagerung viel zu hart. Der Effekt spielt vor allem dann eine Rolle, wenn ein Auto mit fortschreitender historischer Reife nur noch selten zum Einsatz kommt und wesentlich mehr steht als fährt.

356 B Super 90: Auch nach 52 Jahren ausgewogene Fahr­eigenschaften

Ganz anders das Testurteil eines neuen Reifens der Dimension 185/70 x 15 für den Porsche 356 aus den Baujahren vor 1963: „Auch auf dem 356, mit den schmals­­­­ten 5,0 J x 15-Felgen, macht dieser Satz einen sehr guten Gesamteindruck. Es steht hier viel Haftung zur Verfügung und die Balance stimmt. Die Unter- und Übersteuertendenz ist gering und der Haftungsabriss erfolgt nicht zu abrupt. Das Heck ist insgesamt etwas agiler. Man kann damit schnell und präzise fahren und hat dabei immer ein sehr sicheres Gefühl. Der Reifen bietet große Sicherheitsreserven und hat keine besonderen Schwachpunkte.“

Dass der 356 B Super 90 aus dem Fundus des Porsche-Museums damit, 52 Jahre nach seiner Fertigung, mit ausgewogeneren Fahr­eigenschaften unterwegs ist als früher, sei hier nur am Rande erwähnt. Auch da ist ein Porsche wie ein guter Wein: Er wird bei kundiger Behandlung immer besser. An Auswahl herrscht kein Mangel: Aus mehr als 300 Freigaben stehen für manche Modelle je nach Felgengröße fünf bis sieben Empfehlungen zur Auswahl.

Neu entwickelte Reifen ungeprüft auf die Felgen der älteren Fahrzeuge zu montieren, hat sich bei Porsche in der Praxis nicht bewährt. Man hat schon Fälle erlebt, wonach historische Modelle bei Fahrten im Grenzbereich unbeherrschbar wurden, sofern sie mit beliebigen Reifen ausgestattet waren. Schon deshalb kommen die Neuerscheinungen der Reifenindustrie für ältere Fahrzeuge immer wieder zum Test. Das N auf der Flanke kennzeichnet sie als geprüft und für gut befunden.

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Porsche Klassiker, 2014, Porsche AG

Wer jahrelang die gleichen Reifen auf der Felge lässt und sich mit der Kontrolle des Luftdrucks begnügt, produziert damit – völlig ungewollt – sogenannte Holzreifen. Im Laufe der Zeit versprödet der Gummi, das Haftungsniveau lässt nach. Das Wort unfahrbar mag noch nicht direkt zutreffen, wenn so ein Reifen um die fünf Jahre alt ist, aber seine Begabung zur geschmeidigen Fahrweise, die ihn früher ausgezeichnet hat, geht mit zunehmendem Alter zusehends verloren.

Wie alt ein Reifen ist, verrät die DOT-Nummer auf dessen Flanke. Die Nummer endet vierstellig und nennt dabei die Fertigungswoche und das Baujahr. So steht etwa DOT 1302 für die Woche 13 im Jahr 2002. Ein so gekennzeichneter Reifen hat heute beinahe schon ein biblisches Alter. Um sich die Eigenschaften zu vergegenwärtigen, war im jüngsten Reifentest solch ein Holzreifen mit von der Partie.

Nach überaus unruhiger Fahrt und vielen unliebsamen Rutschern und Schlenkern auf dem Nasshandling-Testkurs charakterisiert Reifenexperte Röscheisen den zwölf Jahre alten Pneu als sehr kritisch: „Er bietet speziell im Nassen sehr wenig Haftung, überträgt eine dementsprechend schwache Bremsleistung und ist dadurch speziell auf Fahrzeugen ohne ABS wegen der hohen Blockierneigung der Vorderräder heikel zu fah­ren. In Kurven lenkt er zunächst zögerlich ein. Das führt zu einem unangenehmen Untersteuern, das für die Grundabstimmung eines Porsche vollkommen untypisch ist. Irgendwann im Verlauf der Kurve baut er dann doch einigermaßen plötzlich Haftung auf, was dann wiederum das Heck in Unruhe versetzt. Das Fahrverhalten eines Porsche 930 beispielsweise ist dadurch regelrecht entstellt und erfordert besonders auf Nässe eine kundige Hand, um ein Ausbrechen zu verhindern. Es ist schwierig bis unmöglich, auf einer sauberen Linie flott zu fahren.“ Vor allem der beschriebene Vorgang des abrupten Übergangs zum Übersteuern ist gefürchtet. Experten sprechen bei Autos mit diesem Verhalten von Heckschleuder, wobei viele Fahrer im Umgang mit ihrem historischen Fahrzeug in so einem Fall überfordert sein könnten.

Reifen richtig behandeln

Der Alterung vorbeugen: Reifen lagern am besten wie guter Wein.

Der Effekt der Reifenalterung lässt sich bremsen, wenn man bei der Lagerung mit Sorgfalt vorgeht – ähnlich wie bei gutem Wein: Im Dunklen und bei niedrigen Temperaturen altern Reifen weniger schnell. Am besten den Satz Räder für die kommenden Genusstouren im kühlen Keller aufbewahren, während der betagte Porsche auf einem – vielleicht weitgehend abgefahrenen – Satz Standreifen in der Garage parkt. Beim Radwechsel helfen auch gern die Porsche-Zentren weiter. Es gibt auch keinen Grund, alte Reifen wegzuwerfen, solange sie noch Profil aufweisen: Ein Fahrtraining bei der Porsche Sport Driving School (www.porsche.com/sportdrivingschool) trainiert Fahrzeug und Fahrer im artgerechten Umgang – und beugt zudem den gefürchteten Standplatten am sportlichen Fahrzeug vor. Sie entstehen, wenn der Porsche ohne kräftig erhöhten Reifendruck zu lange steht. Man geht deshalb bei abgestellten Fahrzeugen im Luftdruck gerne bis an den zulässigen Maximaldruck der Reifen, der in der Regel bei 4,5 bar liegt. Auch Reifenschuhe oder Reifenbetten aus dem Zubehörhandel sind hier nützlich. Das sind gewölbte Untersetzer aus Gummi, Kunststoff oder Holz, auf denen das Auto mit vier Rädern jeweils in einer Mulde geparkt steht. Die Muldenform verteilt die Flächenpressung der Reifenaufstandsfläche auf ein wesentlich größeres Areal und verhindert dadurch, dass der Reifen unbrauchbar wird.

Info

Text erstmalig erschienen im Porsche-Kundenmagazin Christophorus, Nr. 370

Text: Michl Koch // Fotografie: Bettina Keidel, Uli Jooß

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